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Das Mädchen mit dem Perlenohrring, wollen sie uns erzählen.

Saturday, March 20th, 2010

Vor knapp zwei Jahren wurde ich in Kopenhagen von einem sehr vorbildlichen Paar beherbergt. Beide gut aussehend, gebildet, mit interessanten Berufen. Schöne Wohnung, mit wenigen, aber sorgsam ausgewählten Möbeln. Er erzählte mir beim Abendessen, dass er seit kurzem den New Yorker regelmäßig lese und wie anregend und gut recherchiert die Reportagen seien. Das hat Eindruck hinterlassen und in meinem erschöpften Zustand, durch Erkältung, lange Geschäftstreffen und den WoodWood-Garagenverkauf verursacht, dazu geführt, dass ich noch nachts im Gästezimmer den New Yorker ebenfalls abonniert habe. Seit diesem Tag trudelt er wöchentlich ein. Oft schaffe ich es garnicht, ihn aus der Plastikhülle zu befreien.

Zwischen den Jahren aber, da hatte ich etwas Zeit und begann zu blättern. Zwei Ausgaben eröffneten mit prominenten doppelseitigen Anzeigen von Louis Vuitton. Nicht wie üblich mit Models oder Prominenten als Werbeträger, vielmehr stand die Schönheit des Handwerks im Vordergrund.

Durch die schwarze Kleidung der Models wird das Hauptaugenmerk auf die Hände und das Handwerkszeug gerichtet. Die Gesichter haben etwas madonnenhaftes, sie wirken schön, jedoch in einem anderen Sinne als so oft üblich. Ihre Augen sind auf das Werk gerichtet, sie arbeiten friedlich und konzentriert. Das fast fertige Stück liegt bereits vor ihnen, sodass es den Anschein hat, dass sie nicht nur für einen Fertigungsprozess verantwortlich sind, sondern vielmehr für alle.

Es sei dahingestellt, ob die oft quietschbunten Taschen auch nur annähernd so produziert werden. Interessant ist aber der neue, oder wiederaufgegriffene, Ansatz, die Begehrlichkeiten für ein Produkt nicht durch das plakative Vorführen desselben durch Stars und Starlets zu wecken, sondern durch das Suggerieren von inneren Werten. Qualität, Handwerk, Tradition. Diese lassen sich auch weniger leicht kopieren, als bunte Aufdrucke, die schon von weitem LV schreien, es aber garnicht so meinen.

Dieser Manufaktum-Traum, den so viele ordentlich verdienende, gut ausgebildete Menschen träumen, wohin kann der führen? In eine Gesellschaft, die sich wieder darauf besinnt, dass es noch etwas anderes als den schnellen Konsum gibt, die versteht, dass die Auswirkungen der teilweise schaurig geringen Kosten für Kleidung, Möbel, Essen im Grunde einen sehr hohen Preis haben, den wir alle irgendwann bezahlen müssen? Oder in eine Aufsplittung der Gesellschaft in gute und böse Konsumenten, die einen selbstgerecht, die anderen uninteressiert?